Selbstständige Kinder brauchen sichere Schulwege

Das neue Schuljahr startet, und Eltern stellen sich die Frage, wie ihre Kinder sicher zur Schule kommen. Für viele Kinder ist das Fahrrad genau richtig: Es geht schnell, macht Spaß und fördert die Selbstständigkeit. Doch immer noch sind viele Schulwege nicht sicher genug, und immer noch verunglücken zur morgendlichen Schulwegzeit besonders häufig Kinder im Straßenverkehr. Der ADFC gibt Tipps, wie Eltern den Schulweg mit ihren Kindern üben können – und fordert gleichzeitig Tempo 30 innerorts, Schulstraßen und Schulwegepläne für mehr Sicherheit und Selbstständigkeit.

ADFC-Bundesgeschäftsführerin Caroline Lodemann sagt: „Bewegung, Selbstständigkeit, Selbstvertrauen: Den Schulweg mit dem Fahrrad zu meistern, ist wichtig für die Entwicklung von Kindern. Und Spaß macht es obendrein. Dafür braucht es einerseits Übung, andererseits braucht es vor allem aber sichere Schulwege – von der Haustür bis zum Schultor.“

Radfahren ist Alltagsfreude

88 Prozent der radfahrenden Kinder sind grundsätzlich gern oder sehr gern mit dem Fahrrad unterwegs. 35 Prozent von ihnen nutzen das Fahrrad auch für den Schulweg. Das ist gut, denn so starten sie mit Bewegung in den Schultag. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass selbstständige Mobilität von Kindern mit mehr Bewegung, einer besseren räumlichen Orientierung und mehr sozialen Kontakten verbunden ist. „Kinder lernen, eigene Entscheidungen zu treffen und sich selbstständig im Verkehr zu orientieren. Das gibt ihnen Stärke und Zuversicht“, sagt Lodemann.

Unfallzahlen bleiben hoch

Ob auf dem Weg zur Schule oder beim Erkunden der Umgebung – Kinder wollen Rad fahren, werden aber vielerorts noch ausgebremst. In einer repräsentativen Kinderbefragung des Fahrrad-Monitors 2025 geben 78 Prozent der Kinder zwischen sechs und 13 Jahren an, Angst vor großen Fahrzeugen wie Lkw und Bussen zu haben. Und 75 Prozent fürchten sich davor, von einem Auto angefahren zu werden. Tatsächlich sind die nach wie vor hohen Unfallzahlen von Kindern auf dem Fahrrad bedenklich: 2024 verunglückten insgesamt 27.260 Kinder unter 15 Jahren im Straßenverkehr, 38 Prozent der dabei verunglückten 6- bis 14-Jährigen waren mit dem Fahrrad unterwegs. Besonders viele Kinder werden von Montag bis Freitag zwischen 7 und 8 Uhr und zwischen 15 und 17 Uhr im Straßenverkehr verletzt oder getötet – zu den typischen Schulwegzeiten. Kinder fahren zwar gerne Rad, dennoch nimmt die selbstständige Radnutzung von Kindern ab 10 Jahren besonders deutlich ab. Eine bundesweite Untersuchung von 167 Grundschulen ergab, dass nur fünf Prozent der Schulwege als sicher eingestuft werden konnten.

Gemeinsam den Schulweg üben

Hunderttausende Kinder kommen nach den Sommerferien in die erste Klasse. Der ADFC gibt Tipps, wie Eltern den Schulweg gemeinsam mit ihren Kindern üben können. Auch für ältere Kinder ist der Schulstart ein guter Anlass, den Weg zur Schule noch einmal gemeinsam abzufahren und auf mögliche Gefahrenstellen zu prüfen.

Eltern sollten mit ihren Kindern den Weg zur Schule gemeinsam festlegen und dabei nicht unbedingt den schnellsten und kürzesten, sondern den sichersten nehmen. Wo gibt es Ampeln, wo fahren weniger Autos, wo sind Kreuzungen übersichtlich gestaltet, wo gilt Tempo 30?
Der Schulweg sollte mehrfach auf dem Hin- und auf dem Rückweg abgefahren werden. Nicht an einem Sonntag, sondern unter realen Bedingungen, also zu typischen Schulwegzeiten. Dabei neben dem Kind fahren und erklären, wo es anhalten, sich umschauen oder schieben muss. Geduldig sein, langsam fahren und am Ende das Lob nicht vergessen.
Das sind potenzielle Gefahrenstellen: An Ein- und Ausfahrten zu Grundstücken und Parkplätzen werden Kinder öfter übersehen. Kreuzungen sind häufig unübersichtlich und nicht sicher gestaltet, außerdem passiert vieles zur selben Zeit. Hier ist es gut, bei den Übungsfahrten erst einmal anzuhalten und die Kreuzung zu beobachten. Verdecken Stromkästen oder parkende Autos die Sicht? Biegen die Autos zu schnell um die Ecke, ohne anzuhalten? Gemeinsam und ruhig lässt sich gut überlegen und üben, wie das Kind die Kreuzung am sichersten überqueren kann.
Wenn alles gut läuft, das Kind vorausfahren und die Entscheidungen selber treffen lassen. Der Erwachsene fährt hinterher und greift nur noch ein, wenn es nötig ist.
Gemeinsam den Zeitpunkt bestimmen, ab wann das Kind sicher selbstständig fahren kann. Sowohl das Kind als auch die Eltern müssen das Gefühl haben, dass es ab jetzt sicher möglich ist. Wichtig ist es, hier keinen Druck auszuüben.

Kinder unter acht Jahren müssen auf dem Gehweg fahren, Kinder zwischen acht und einschließlich neun Jahren dürfen es. Ab zehn Jahren gelten die normalen Regeln für Radfahrende.

ADFC fordert sichere Schulwege

Eltern können mit ihren Kindern den Schulweg üben, sichere Schulwege können sie aber nicht schaffen. Der ADFC fordert deshalb Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts, eine sichere und kindgerechte Radverkehrsinfrastruktur und sichere Kreuzungen. Direkt vor Schulen empfiehlt der ADFC dauerhafte oder temporäre Schulstraßen einzurichten, wie in Paris, Wien und jetzt auch in Hamburg. Temporär heißt, dass die Straße zumindest morgens zum Schulbeginn für den Kfz-Verkehr gesperrt wird. So sinkt der Verkehrsdruck unmittelbar vor der Schule. Kinder haben mehr Platz, um sicher zu Fuß oder mit dem Fahrrad anzukommen. Auch gefährliche Situationen durch sogenannte Elterntaxis direkt vor der Schule werden damit reduziert. Außerdem fordert der ADFC flächendeckend Schulwegepläne, die sichere Radrouten einbeziehen. Mögliche Routen und vorhandene Gefahrenstellen werden gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern erfasst, damit für Kommunen sichtbar wird, wo Straßen und Kreuzungen sicherer gestaltet werden müssen.